Warum ich mich nicht als Nutzer von zeit.de, sueddeutsche.de und spon.de fühle

In der re:publica 13 Session “Digital by default – „Digital Natives der Herzen” im Journalismus” (Video) wurde am Ende der Anmoderation folgende Frage gestellt (im Video ca. 1:10):

“Wer der Anwesenden nutzt weder – in seinem täglichen Leben – zeit.de, sueddeutsche.de oder Spiegel Online?”

In einem Saal mit ca . 1000 Menschen war ich der einzige, der die Hand hob. (Gratulation an Jochen Wegner, der mich trotz Bühnenscheinwerfer erkannte. Deine Augen hätte ich gerne).

Wer mich kennt, weiss, das ich was meine Mediennutzung angeht, eher digital native als ewiggestriger  bin. Warum also habe ich, im übrigen nach kurzem Zögern, meine Hand gehoben?

  • Ich hasse rhetorische Fragen. Wenn sie dann auch noch an das Publikum gestellt werden und vorher Kuschelkurs angesagt wird, dann muss man mir nur einen kleinen Grund geben.
  • In der prädikatenlogischen Interpretation der Frage musste ich die Hand heben. Denn es gibt Tage an denen ich weder auf zeit.de, sueddeutsche.de noch spon.de bin. Zum Beispiel Tage an denen ich überhaupt nicht im Internet bin (ja die gibt es).
  • Klar weiss ich spätestens seit meiner NLP-Vorlesung Ende der 80er, dass “im täglichen Leben” ein unscharfer Quantor ist und wohl eher als “tauche ich als Unique Visitor in den Wochenstatistiken bei zeit.de, sueddeutsche.de oder spon.de  auf” gemeint ist. Ich sagte ja: Ein kleiner Grund reicht.
  • Ausserdem lese ich zur Zeit Unmengen an dpa. Und zwar “unverwurstet” wie Stefan Ploechinger sagen würde. Das liegt daran das ich im Rahmen meiner Arbeit als Leiter des dpa-newslab für die Realisierung der sog. “Chefredakteursapp” der dpa verantwortlich bin. In diese fliessen der komplette Basisdienst, alle Landesdienste sowie die dpa-news Portalinhalte ein. Also der überwiegende Teil der täglichen dpa-Produktion. Um die App zu debuggen, aber auch um zu analysieren wie man die Formate (und Inhalte) der dpa syntaktisch und semantisch so anreichern kann , dass sie noch leichter “verwurstet” werden können, lese ich zur Zeit jede Menge Meldungen, Zusammenfassungen, Korrespondentenberichte, Interviews, … und Themenpakete der dpa.

Der eigentliche Grund

Nach einigem Nachdenken bin ich mir mittlerweile sicher, dass diese oberflächlichen Symptome nicht der eigentliche Grund waren  die Hand zu heben. Ich denke es ist der folgende:

Auch wenn ich regelmäßig Artikel auf zeit.de, sueddeutsche.de oder spon.de lese, ich habe nicht das Gefühl, dass ich Nutzer dieser Sites bin.

Vielmehr bin ich Nutzer von Google Reader, Twitter und der persönlichen Empfehlungen von @jochenjochen, @ploechinger und @lyssaslounge (und vielen weiteren Personen / Kleinorganisationen).

(Unnoetiger Detailkram wie sich meine Nutzung von Google Reader und Twitter über die Jahre verändert hat gelöscht).

Und da es mittlerweile nicht nur “Geeks” wie ich sind, die die von ihnen gelesenen Inhalte “unbundled” via Aggregatoren und Kuratierung lesen, ist das für mich mit die größte Herausforderung vor der die Medienhäuser stehen. Die Auflösung ihrer Marke in eine Menge von Untermarken / Personen als Marken.

Exkurs: Serendipity

Oft habe ich in den letzten Jahren von Seiten der Medienhäusern dann gehört, das doch das Schnüren des Paketes “Tageszeitung”  den Vorteil bietet, dass man dort auch Dinge findet, nach denen man gar nicht gesucht hätte. Die berühmte “überrasschende Entdeckung” oder engl. “Serendipity”.  Denen kann ich nur entgegenhalten, dass ich, aufgrund der Tatsache, dass Menschen neben ihrer Arbeit / ihrem Kernthema auch ein Leben haben, über das sie auch in ihren Blogposts und Tweets berichten, mindestens genau so viele “überraschende Entdeckungen” gemacht habe. Insbesondere von anderen Menschen / Blogs / Timelines die es auch zu lesen lohnt.

Exkurs: Paywalls

Ich bin seit ihrer Einführung bislang noch nicht an  die “Metered Paywall” der New York Times gestossen, obwohl ich via Empfehlung häufig Inhalte von ihr lese. Und wenn ich an sie stiesse, würde ich wohl kein Abo abschliessen. Ein Abo für ein einzelnes Medium, für mein Leseverhalten eher ein Anachronismus.

Dann lieber nach bester Mobilfunkart Pakete für Qualitätsinhalte in unterschiedlichen Größen als Vertrag oder Prepaid. (Ich würde wohl mit Prepaid anfangen). Aber dafür fiel mir in der Diskussion zwischen @lyssaslounge, @ploechinger und @jochenjochen zu oft das Wort Kartellamt. Wenn einer der doch reichlich anwesenden Journalisten da doch mal nachrecherchieren würde :-)